Die grasgrüne Badehose

  

Er hatte sich zwar daran gewöhnen können, aber es selbst über die Lippen zu bekommen, damit tat er sich die ganzen Jahre schwer. Ein rollendes R, für das er einfach nicht geschaffen schien. Ein Laut, wie das Rattern eines alten Rasenmähers. Doch selbst bei größter Anstrengung schien seine Zunge nicht zu solch einer artistischen Meisterleistung in der Lage.
Eine zeitlang hatte er fleißig geübt: feierabends mit einem Sprachkurs auf Kassette und zusätzlich, auf der Suche nach der richtigen Zungenstellung, stundenlang vor dem Spiegel. Selbst ein Intensivwochenende an der Volkshochschule brachte nicht den gewünschten Erfolg. „Grrrüß Gott“ blieb bei ihm ein rudimentäres und schlichtes „Grüß Gott“. Eine Minimalausführung, mit der er sich zwar anpasste, aber nicht dazugehörte.
Dazugehören. Ein Instinkt, der aus seinem tiefsten Inneren emporgekrochen war, gegen den er sich nicht hatte wehren können. Ein Streben danach, nicht aufzufallen, nicht in Schubladen gesteckt zu werden. Er kategorisierte drei Fächer:
Würde er „Gudn Daach“ sagen, hieße das völlige Offenbarung – aha, nicht von hier, sondern von da oder da.
Würde er „Grüß Gott“ mit allerwelts R sagen, hieße das zumindest nur Teiloffenbarung – aha, nicht von hier, sondern von irgendwo.
Könnte er „Grrrüß Gott“ mit drei oder vier aneinander gereihten Rasenmäher-Rs fehlerfrei über die Lippen bringen, wäre das perfekt, Schublade Numero drei und zugleich eine Leistung, die, seiner Meinung nach, zweifellos mit dem Bundesverdienstkreuz belohnt werden sollte. Nicht, dass er sich nach solch einer Anerkennung sehnte, sie schien ihm einfach angemessen für jemanden, der aus seiner Gegend kam und es schaffte, einen derartigen Laut sauber über die Lippen zu bekommen.

Einmal im Jahr ließ er für mehrere Wochen all das hinter sich und verbrachte den Sommer Zuhause. Dort, wo er durch und durch er selbst war und einmal alt werden wollte. Mitte zwanzig ist Altwerden zwar noch kein brandaktuelles Thema, aber wenn es eines gab, was er in den vergangenen drei Jahren erkannt hatte, dann das. Zu wissen, dass er nirgendwo sonst alt und tattrig sein wollte, als hier. In dieser kleinen Stadt, in die er jedes Jahr im Sommer zurückkehrte, um sich tagelang wohl zu fühlen. Unendlich scheinende Tage, an denen er mit Gunne angelte und um die Häuser zog, mit Vater Stadt-Land-Fluss spielte, für Mutters Rheuma offene Ohren hatte, Lenchens neue Bestmarke beim Kirschkerne spucken bestaunte oder ihre Fortschritte beim Schwimmen.
In der Firma nannten sie ihn liebevoll „Zuagvogl“. Keiner wollte ihm Böses. Alle frotzelten zwar, aber jeder verstand. Den gesamten Urlaub am Stück plus die Überstunden – macht summasumarum 32 Tage ohne Grüß Gott. Eine Auszeit, die sie ihm gönnten, ohne zu wissen, wie schwer es ihm fiel, im September wieder zu kommen. Aber er wollte wieder kommen, denn er hatte noch nicht genug auf der Seite, für das, was sie vorhatten. Dafür war er bereit, durchzuhalten. Er hatte alles kalkuliert. Mit Zuhause telefonieren ja, Heimfahren nein. Vier Jahre ackern. Vier Jahre Überstunden, 14 Quadratmeter, und dann ihr Ding durchziehen! Auf dem alten Grundstück seines Großvaters.

Gunne wartete am
Marktplatz auf ihn. Er wusste, dass der Heimkehrer zuerst auf ein kühles Bier in die Schmiede gehen würde, und auf dem Weg dahin wollte er ihn abfangen und mit der Neuigkeit überraschen.
Es war ein phänomenaler Tag Mitte Juli, prädestiniert dafür, sich wiederzusehen und mit Überraschungen aufzuwarten.
„Alter, da bist du“, begrüßte Gunne ihn. Und dann drückten sie sich kurz aneinander. Aus dem kühlen Bier wurden drei, und dann folgte das obligatorische Schnäpschen, mit dem man Überraschungen besser verdauen kann. Die Stadt würde dem Baugesuch samt dem Bewässerungssystem zustimmen. Das bedeutete gut und gerne viertausend Karpfen. Die beiden grinsten sich an. Sie klopften sich auf die Schulter, einmal, zweimal, und dann immer heftiger. Und dann brüllten sie ihre Freude heraus, als gäbe es kein morgen.
Wenig später traf er Zuhause ein. Vater mähte gedankenversunken den Rasen. Er bemerkte nicht, dass seitlich von ihm jemand an der Kastanie lehnte. Mutter rief aus dem offenen Fenster „Der Bub ist da!“, stürmte durch die Terrassentür und riss, mit schnellen Schritten und einer ordentlichen Portion mütterlichem Instinkt, das Kabel aus der Dose. Sie umarmten ihn. Mutter lang und mit geschlossenen Augen, Vater großhändig und klopfend, ehe sie ihn nach drinnen schoben in die Stube, um sich weiter zu freuen und einander nach dem Rechten zu fragen. Eine halbe Stunde später lag er auf der Couch im Wohnzimmer, schloss die Augen und atmete mit einem langen Brummton Luft ins Zimmer. Dann ließ er sich fallen.
Gegen Abend kam Lenchen vom Schulausflug zurück. Sie sah ihn ein paar Minuten lang an und drückte ihm, ohne ihn zu wecken, ein Küsschen auf die Wange. Sie hatten das ganze Wochenende vor sich.

Um zehn wurde gefrühstückt. Lenchen wollte unbedingt eine Radtour machen. Er sagte: „Hast du nach draußen gesehen, es regnet.“ Sie meinte: „Kommschon, das bisschen Regen“. Über der Stadt hingen dichte Wolken und das bisschen Regen bestand seiner Meinung nach aus zu viel Wasser. Ihr machte das nichts aus. Sie hatte lange auf diesen Tag gewartet, das Wetter war Nebensache dafür.
„Komm schon! Lass uns den Radweg am Stausee entlang radeln. Ein bisschen Bewegung tut dir gut.“
Gegen Nachmittag kamen sie am See an der Hohenwarte an. Der Regen war mittlerweile nur noch Nieseln, als sie feststellte, es sei Zeit für ein Päuschen, bevor er sich noch überanstrenge. Kaum hatten sie die Räder an einen Baum gelehnt und die Rucksäcke abgestreift, schob sie ihn geradewegs auf eine Bank zu und meinte: „So, setz dich mal schön hier hin.“
Er wusste nicht, was sie vorhatte, aber er spürte, dass es wichtig war.
„Sitzt du bequem?“ vergewisserte sie sich.
„Ja, tue ich“, antwortete er.
„Und jetzt Brüderchen... mach die Augen zu!“
Sie zog ihre Regenjacke aus, dann das T-Shirt und die Hose. Zupfte sorgfältig den grünen Bikini zurecht, stemmte die Hände in die Hüften und rief: „Fünf... vier... drei... zwei... eins.  Jetzt darfst du sie wieder öffnen“. Er wischte sich ein paar Tropfen ab und blickte sie an.
„Ta-taa!“ tönte sie, und tippte voller Stolz mit dem rechten Zeigefinger auf ihre Badehose. Seine Augen wanderten von oben nach unten. Unmittelbar neben ihrem wippenden Zeigefinger blieben sie hängen. Rechts auf jener grasgrünen Badehose, die noch vor einem Jahr beim Schwimmunterricht zuhause im Schrank vergessen wurde, prangte das bronzene Schwimmabzeichen. Er war sprachlos. Das Einzige, was ihm in diesem Moment einfiel, war ein lang gezogenes „Wooow!“. Er holte Luft. „Du… hast es geschafft“.
Ihr Finger fuhr die Konturen des Emblems nach. „Ich habe das ganze Jahr nur für dich geübt“, bemerkte sie. Sie stand da und grinste in einer Tour, sie stemmte ihre zehnjährig-zarte Hand in die Hüfte und dann erklärte sie: Ich habe das ganze Jahr nur für dich geübt. Er war gerührt, und da die Formulierung Gerührtsein seinen Zustand nur unzureichend beschreibt, muss ich noch hinzufügen, dass es sich in etwa so anfühlte, als streiche jemand die Tapeten seiner Herzkammern mit frischen Farben.
Lenchen stolzierte Richtung Ufer. Und dann sprang sie ins Wasser, um unter Beweis zu stellen, dass sie keine Angst mehr davor hatte. Um zu zeigen, wie schön die Mädchen von heute Brustschwimmen können, und sie endlich dazugehörte.
„Na“, schnaufte sie, „wie findest du das? Kann ich schwimmen oder nicht??“
Er nickte und reckte seinen rechten Daumen in die Höhe, während er mit leisem, aber deutlich rollendem R vor sich hinmurmelte: „Brrrronzenes Schwimmabzeichen.“

„Was hast du gesagt?“ rief sie. „Ich hab dich nicht verstanden.“
Die darauffolgenden Tage des Sommers verflogen, Niederlagen im Kirschkernspucken reihten sich an Siege bei Stadt-Land-Fluss, und Um-die-Häuser-ziehen und all das war in etwa so, als hinge ihm jemand auf die frisch gestrichenen Tapeten noch ein paar neue Bilder. Es war ein Leichtes, mit diesem Gefühl den Monat August hinter sich zu lassen.

 

                                                     

 

 

 

                                                                          

                                                                                     © Jochen Weeber



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