Meine letzten Stunden ohne Tagebuch

  

Heute Morgen ist das Leben so, als hätte ich es erfunden: Es ist halb sieben und der Wecker läutet nicht. Das ist eine beeindruckende Erfahrung. Man dürfte eigentlich nicht ausschlafen, aber man tut es trotzdem. Wozu leere Batterien doch von Nutzen sind. Irgendwann wache ich auf und die Zeit ist weg. In der Küche finde ich sie wieder, sie hängt an der Wand und macht Kuckuck. Das hat sie auch schon vor Jahren gemacht, jedoch nicht in meiner, sondern in Großmutters Wohnung. Ich betrachte das Häuschen und höre Oma Lise wie sie sagt: „Das Leben und... du weißt schon, die Liebe, dafür musst du dir genug Zeit nehmen, mein Junge“.

Wie wohl mein Chef auf diese Erklärung reagieren würde. In der Probezeit morgens um zehn könnte einem das ziemlich negativ ausgelegt werden. Da ich mir nicht sicher bin, ob das in Großmutters Sinn gewesen wäre, lasse ich erst mal die Finger vom Telefon. Anrufen und nachfragen, wie sie das gemeint hat, das wäre jetzt gut, ich weiß noch ihre Nummer, aber da geht seit dem Schlaganfall letztes Frühjahr keiner mehr ran.

Vielleicht kann mir eine andere Frau weiterhelfen. Diese ist zwar fast 40 Jahre jünger, aber ich kann sie immerhin noch in diesem Leben fragen. Ich muss einfach ins Nebenzimmer gehen, mich zu ihr unter die Decke legen und mit einem Kuss könnte ich sie auf meine Seite ziehen.

Im Flur ist es still. Vorsichtig öffne ich die Tür und nach fünf kleinen Schritten erreiche ich das Bett. Leer. Auch im Bad ist sie nicht. Auf dem Balkon finde ich sie wieder, sie macht Kuckuck, aber es scheint sie nicht zu interessieren, wie spät es ist. Oder zu wundern, dass ich noch da bin. Mit angezogenen Beinen sitzt sie auf einem Stuhl und genießt die frühe Mittagsonne, nur mit T-Shirt und Slip, womit sie wieder mal sehr gut aussieht.

„Ziemlich verschlafen, oder?“ vermutet sie. Ich stehe hinter ihr, rieche an ihrem Nacken und brumme ein bestätigendes „Hmh“.  „Hast du schon in der Firma angerufen?“ will sie wissen. „Weiß nicht genau, was ich sagen soll, ich brauch noch ne gut klingende Erklärung. Irgendwas, das sich besser anhört als die Batterien meines Weckers waren leer?“ Sie kratzt sich das Kinn und grübelt. „Sag doch einfach, ich sei schwanger, du hättest es gestern erfahren und dich hemmungslos betrunken, und halt vermutlich deswegen vergessen, den Wecker zu stellen.“ „Aber du bist doch gar nicht schwanger.“ Schweigen. „Ja, aber so langsam... so langsam denke ich, du könntest der Richtige dafür sein.“

Ich muss etwas grinsen. Ich denke an die letzte Nacht und fühle mich geehrt. Nicht wegen dieser Nacht, sondern einfach, weil sich dieser Satz schön anhört und ich ihn mir gern einrahmen würde. Oder eine extra Seite im Tagebuch dafür verwenden, wenn ich eines hätte. Und irgendwie finde ich, das ist eine Erklärung, die einen Chef milde stimmen müsste: Meine Freundin, also, meine Zukünftige, sie wissen schon, die hat mir gestern eröffnet, dass sie - im Prinzip - schwanger ist.  Da musste ich mich einfach betrinken.

Klingt doch ganz gut. Einen Versuch wäre es wert, zumal ich noch nicht mal groß schwindeln und kein allzu schlechtes Gewissen haben müsste.

Wir beschließen, das Telefonat erst Mal probeweise durchzuführen und machen ein kurzes Rollenspiel. Ich bin mein Chef und sie der werdende Vater. ´Verschlafen in der Probezeit`, Klappe, die Erste: „Chef! Chef!“, schnauft sie aufgeregt, „Meine Freundin, also, meine Zukünftige, Sie wissen schon, die hat mir gestern eröffnet, dass sie - so gut wie – schwanger sei. Da musste ich mich einfach, also, da hab ich mir ordentlich einen hinter die Binde gekippt, aber wem sag ich das.“

Ich lache und meine, den Zusatz „wem sag ich das“ müsste man weglassen, sonst würde unser Sohn möglicherweise von einem arbeitslosen Vater ins Rennen geschickt werden. Die Mutter weiß aber noch nichts vom Geschlecht ihres Kindes und möchte erst die Ultraschalluntersuchungen abwarten um sich endgültig sicher zu sein, dass es ein Mädchen wird. Am Ende einigen wir uns darauf, dass ich bei möglichen Fangfragen meines Chefs neutral bleibe und von „dem Kind“ spreche.

Wir gehen rein. Bevor telefoniert wird will ich noch rasch auf die Toilette.

Ich bin nervös. Ich werde Vater.

Durch die Tür höre ich plötzlich Annas Stimme. „...mein Freund, also, mein Zukünftiger, sie wissen schon, dem habe ich gestern eröffnet, dass er bald Vater wird. Da musste er sich einfach, also, da hat er sich richtig ordentlich einen hinter die Binde gekippt. Das dauert noch ein paar Stunden, bis er wieder der Alte ist. Jedenfalls tut es ihm leid und ich soll Sie grüßen.“ Stille. Ich öffne die Tür einen Spalt. Im Flur steht Anna mit dem Telefonhörer in der Hand. „Danke... danke, och, das ist aber nett... Nee, es wird ein Mädchen. Ja, da haben Sie völlig recht, Herr Meyer, die Freude sollte man ihm nicht verderben. Wissen Sie, meine Großmutter hat immer gesagt Das Leben und... die Liebe, dafür muss man sich genug Zeit nehmen. Schön, nicht?“

Kurz danach legt sie auf. Ohne, dass sie es merkt, schiele ich durch den Spalt, sehe, wie sie dasteht mit leuchtenden Augen. Nur mit T-Shirt und Slip, mitten im Flur meiner Wohnung, die für uns drei fast zu klein sein dürfte. Auch ein schöner Satz, finde ich und beschließe, mir ein Tagebuch zuzulegen. Gleich morgen, wenn ich mich von meinem Suff erholt habe.                                 

                                                              

                                                                      © Jochen Weeber
                                                                                         


Veröffentlichungen von Kurzgeschichten z.B. in 

 

BR2

 
SWR 2

 

wdr

 

taz

 

 

  


 


 


 

 
Liste aller bisherigen Kurzgeschichten





Stiftung Lesen

Fachtexte u. a. zu

Fußball & Lesen